Die Erziehung eines Vierbeiners bedeutet mehr als das Beherrschen der Grundsingale. Einen Hund auf Signale wie "Sitz", "Platz", "Hier" zu konditionieren ist keine Kunst, ein artgerechter Umgang mit dem Vierbeiner hingegen scheint zunehmend schwieriger zu werden.
Angebote über moderne, gewaltfreie Erziehungsmethoden schiessen wie Pilze aus dem Boden. Versprechungen wie "rein positiv", "ohne Streß", "liebevoll" zielen auf die Emotionen der Zweibeiner, die sich beim Anblick ihres niedlichen Welpen nicht vorstellen können, das böse Wort "nein" in den Mund zu nehmen.

Doch braucht unsere heutige Umwelt Hunde, die nicht gelernt haben, mit einem gewissen Maß an Streß umzugehen? Hunde, die nie mit Frustration konfrontiert wurden und bei der kleinsten Situation, in der es nicht nach ihrem Willen geht, ausrasten, kläffend in der Leine hängen, nach ihren Besitzern schnappen oder wie ein Häufchen Elend in sich zusammenfallen?

Die Pflicht eines Hundehalters besteht eindeutig darin, seinen Hund auf unsere Umwelt vorzubereiten, ihm Neues zu zeigen, eigene Erfahrungen machen zu lassen und so die Möglichkeit zu geben, sich souverän durch unsere Welt zu bewegen. Welpenbesitzer, die ihren Vierbeiner von allem fernhalten und aus allen Situationen herausnehmen, mit ihm z.B. nie in die Stadt gehen oder selten Hundekontakte zulassen, handeln unverantwortlich! Jedes Lebewesen verdient die Chance, die Welt, in der es sich bewegt, auch kennenlernen zu dürfen.
Dabei ist neben dem Gewähren von Freiräumen und der Erfüllung biologischer Grundbedürfnisse auch ein klare Kommunikation nötig. Ein "Ja" setzt auch die Kenntnis eines "Neins" voraus, Gewähren von Freiräumen das Wissen um Grenzen.

Gerade klares Setzen von Grenzen gibt dem Hund Sicherheit: Er weiss genau, was erwünscht ist und was verboten. Wobei Setzen von Grenzen nicht gleichzusetzen ist mit Unterdrückung des Hundes; so spricht bei einer funktionierenden Beziehung z.B.nichts dagegen, den Vierbeiner mit im Bett schlafen zu lassen. "Alte Stiefel" wie "nach mir durch die Tür", "nicht aufs Sofa", "ich esse vor dem Hund" in der Hundeerziehung sind längst widerlegt und geben keinerlei Auskunft über die Beziehung zu Ihrem Vierbeiner.
Vielmehr sollte das Ziel ein souveräner und entspannter Umgang mit dem Vierbeiner sein. Vermittlung von erwünschtem und unerwünschten Verhalten, Förderung einer Frustrationstoleranz, kurzzeitige Konfrontation mit Streßsituationen, gemeinsames Erleben von neuen Situationen, aber auch Spiel und Beschäftigung, immer mit dem Hintergrund: Ich bin für dich da.
Dies bildet die Basis einer vertrauensvollen Beziehung.

Vor allem zurückhaltende und ängstliche Hunde benötigen eine klare Struktur und einen souveränen Menschen. Wie kommt es wohl bei Hund an, der von einer Situation überfordert Schutz bei seinem Menschen sucht, welcher selbst nervös "ist schon gut", "nicht so schlimm" säuselt und gemeinsam mit dem Hund "die Flucht antritt" und sich und seinen Vierbeiner so aus der Situation nimmt?
Vermeiden von Situationen, welche eine aktive Handlung des Zweibeiners fordern, schafft keine Abhilfe. Ob dies nun das "hier" ist, welches der Hund ohne Konsequenz seines Menschen ignoriert - und ignorieren darf - oder ein angstauslösender Moment der Umwelt, vor dem man gemeinsam flüchtet. Lernen wird der Vierbeiner nur eines: Mein Mensch ist nicht in der Lage, Situationen zu überblicken und zu managen - der Grundstein für eine Verselbständigung des Vierbeiners ist gelegt: Er wird sich in Zukunft auf sich selbst verlassen und Situationen alleine meistern.

Rein positive Erziehung (was genau soll dies bitte sein?) funktioniert - wenn überhaupt - nur unter Laborbedingungen. In einem Umfeld, welches der Mensch vorgeben kann, wird kein freilaufender Hund plötzlich um die Ecke kommen oder der Hase direkt vor ihrem erfreuten Vierbeiner aufspringen. Aber wir reden vom wirklichen Leben - und dieses bietet eben Überraschungen.

Hundebesitzer, die wild clickernd durch den Wald rennen und so einen Clickerjunkie züchten, sind kein seltener Anblick. Der Clicker ist mit Sicherheit ein nettes Hilfsmittel in der Hundeerziehung, aber nur weil modern eben auch nicht Allheilmittel. Ebensowenig wie "Hundemützchen", die dem Vierbeiner bei Streß oder starken Umweltreizen bedenkenlos übergestülpt werden oder Düfte, die den Vierbeiner entspannen sollen. Im Einzelfall sicher berechtigt, werden diese und andere Hilfsmittel pro forma eingesetzt. Was bitte denkt ein Hund, der mit einem Mützchen bekleidet durch die Stadt laufen soll? Wo bleibt da noch das Individuum Hund? Wann darf er seine Vorlieben ausleben, einfach Hund sein?
Durch den zunehmenen Einsatz von Hilfsmittel nimmt sich der Hundehalter selbst aus dem Geschehen. Ein Clicker ersetzt mein "das hast du toll gemacht", Klapperdose oder Discscheiben werden anstelle eines "Neins" verwendet. Es ist z.B. nicht nötig, einem normal entwickelten Welpen mit Hilfsmitteln zu konfrontieren, und z.B. sicherheitshalber vor Silvester einen "Entspannungsduft" zu konditionieren. (Warum wird von vornherein davon augegangen, dass Silvesterlärm ein unüberwindbars Problem für Hunde darstellt? Gerade Junghunde reagieren auf neue Situationen meist neugierig)
Unsere Hunde haben ein Recht darauf, ihre Welt unvoreingenommen wahrnehmen und kennenlernen zu dürfen, zu erfahren, dass das Leben Überraschungen bietet und diese mit Hilfe des Zweibeiners gemeistert werden können. Anscheinend fällt es auch leichter, per Knopfdruck eines Erziehungshalsbandes auf unerwünschte Verhaltensweisen des Hundes zu reagieren, als sich in den Vordergrund zu stellen und dem Hund klar zu sagen: ICH möchte das nicht! Wie soll mein Hund mich so als Person wahrnehmen? Wo bleibe ich als Mensch?

Unsere dichtbesiedelte Umwelt stellt hohe Anforderungen an unsere Hunde. Nett sollen sie sein, sich adäquat der entsprechenden Situation verhalten, in unser Leben einfügen, möglichst wenig Schmutz machen und niemanden belästigen.

Nicht in Watte packen, sondern kontrolliertes Teilnehmen am Leben, Heranführen an die Umwelt, gemeinsames Bewältigen von Konflikten - dies schafft einen umweltsicheren und zufriedenen Hund. Den nichtschmutzenden Vierbeiner kann keiner versprechen, aber die Bauchtasche oder den Rucksack mit diversen Hilfsgegenständen benötige ich dann nicht mehr :)